Palliativteam Hochtaunus

Palliativversorgung zu Hause, ambulant oder im Hospiz

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Der schönste Tag in meinem Leben

Das war ein wunderschöner Tag, dachte sie, als der Himmel allmählich seine Farben verlor und erste Sterne aufblitzten. Sie holte ihre Erinnerungen hervor und betrachtete die Bilder:
Da war der Morgentau in den Wiesen, der kitzlig nass die Füße kühlte, der Birnbaum mit seinem dichten Geäst, in dem die Bienen summten. Da war der Sommerwind, der ihr ins Gesicht blies und köstliche Gerüche von Früchten mit sich trug. Sie sah die roten Erdbeeren, von denen sie gekostet hatte und die fruchtigen Apfelstückchen.
Da war die grüne Gartenbank, auf der sie sich ausgeruht hatte und jeden Augenblick ihres Lebens genoss. Da waren die Freunde, mit denen sie herumgetollt war, das glitzernde Wasser im nahen See, in dem sich das Sonnenlicht spiegelte. Und der frühe Abendhimmel, der mit all seinen Farben zu einem leuchtenden Spektakel einlud.
Wieviel Liebe doch in der Schöpfung steckt, dachte sie. Auch wenn die Nacht kommt...  
Sie verstand nicht, was es mit der Ewigkeit auf sich hatte und wo die Unendlichkeit war. Da war so viel, so vieles, was sie nicht verstand.  Und was es trotzdem gab.
Sie wollte ihr Herz dem neuen Lebensraum anvertrauen, der sich vor ihr öffnete und dem, der mehr darüber wusste und den Sinn kannte. Aber ihr blieben die Bilder der Erinnerung, Himmelsgeschenke, die ihr keiner nehmen konnte. Sie waren da und konnten hervorgeholt werden, wann immer sie wollte.
Sie setzte sich wieder auf die grüne Bank, schaute noch einmal hoch in den Nachthimmel mit den blitzenden Sternen und lächelte.
„Das war der schönste Tag in meinem Leben“, sagte die Eintagsfliege und schloss ganz langsam ihre Augen. 

 

Ursula Flacke, Der goldene Palast, 2018